Jetzt spricht Working-Poor-Experte Prof. em. Ueli Mäder: «Durch den Mindestlohn werden die Schwächsten geschützt»

Jetzt spricht Working-Poor-Experte Prof. em. Ueli Mäder: «Durch den Mindestlohn werden die Schwächsten geschützt»

Im Abstimmungskampf ist immer wieder von ihnen die Rede: die «Working Poor». Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können – in Basel sind rund 18’000 Personen von unwürdigen Tiefstlöhnen betroffen. Ihr Schicksal intensiv erforscht hat der emeritierte Soziologie-Professor Ueli Mäder. Kurz vor der Mindestlohn-Abstimmung in Basel-Stadt äussert er sich zur Initiative. Für ihn ist klar: Der Mindestlohn ein wichtiges Werkzeug, um die Situation der Betroffenen zu verbessern und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken.

Aufgrund seiner jahrelangen Forschungsarbeit zum Thema «Working Poor», weiss der renommierte Soziologe Ueli Mäder, wie gravierend die Folgen von Tiefstlöhnen sind. Betroffenen reicht der Lohn ihrer Vollzeitstelle nicht, sie sind auf Unterstützung durch Sozialhilfe angewiesen, leben in dauernder Unsicherheit, ihre Rechnungen bezahlen zu können, und haben ungenügenden Zugang zum gesellschaftlichen Leben. Mäders Studien zeigen zudem: Je tiefer das Einkommen, desto ungesünder sind die Arbeitnehmer*innen. Das führt zu Kosten, die auch von den Basler Steuer- und Prämienzahler*innen mit getragen werden.

«Ausbildungen bleiben wertvoll, der nachhaltige Konsum und die Wirtschaft werden gestärkt»

Für den Wissenschaftler Ueli Mäder steht ausser Frage, dass die Mindestlohn-Initiative ein wichtiges Instrument ist: «Durch den Mindestlohn werden sozial Benachteiligte geschützt, ihnen wird der Rücken gestärkt», sagt er. Die positiven Effekte beschränken sich aber laut Mäder längst nicht nur auf die Betroffenen: «Vom Mindestlohn profitieren die, die dadurch mehr Einkommen zur Verfügung haben, aber auch die Ausbildungen bleiben wertvoll, der nachhaltige Konsum und die Wirtschaft werden gestärkt – mehr Lohn bedeutet mehr Wahlmöglichkeit – und am Ende bewirkt der Mindestlohn den dringend notwendigen Schulterschluss von verantwortungsvoller Wirtschaft und Gesellschaft.» Die sich verschärfende Spaltung der Gesellschaft, durch die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen, bereitet ihm Sorgen.

Mäders wissenschaftlich fundierte Aussagen stehen im Kontrast zur Angstmacherei der Mindestlohn-Gegner. So wird immer wieder behauptet, bei einem Ja am 13. Juni würden Tiefstlohn-Jobs verloren gehen. Dabei zeigt eine Studie der Universität Neuenburg zum Mindestlohn in jenem Kanton, dass im Tiefstlohnbereich keine Stellen aufgehoben wurden. Das ist auch wenig überraschend, werden doch die Dienstleistungen, welche diese Menschen erbringen, weiterhin benötigt. Auch der Alarmismus, die Berufsbildung trage Schaden, lässt sich in der Praxis leicht widerlegen: Die Nachfrage nach einer Maurer-Lehre ist seit Jahren hoch, obschon man selbst als Ungelernter rund 4500 Franken monatlich erhält. Die Branche bezahlt eben auch die Mitarbeitenden mit abgeschlossener Ausbildung anständig – obwohl der Bau nicht gerade als wertschöpfungsreichste Branche gilt.

«Der kleinste Schritt, den man machen kann»

Ueli Mäder überrascht die Schwarzmalerei der Gegner aber nicht: Immer, wenn Reformen zur Debatte stünden, werde behauptet, die Gesellschaft gehe zu Grunde. Mäder betont: «Ein Mindestlohn löst nicht alle Probleme, aber er ist der kleinste Schritt, den man machen kann.» Die Basler*innen haben am 13. Juni die Chance, mit einem Ja zur Mindestlohn-Initiative, die Probleme von rund 18’000 Menschen in Basel-Stadt zu lösen – und damit auch den Kanton insgesamt vorwärts zu bringen.